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Ausstellung Foyergalerie der Stadt Rednitzhembach 2013

Frank Hegewald, Vorsitzender BBK Mitelfranken

Stefan Atzl Laudatio
„Gerühmt muss sein“, hat Paulus einmal gesagt, „auch wenn es nichts nützt.
2. Kor. 12,1
im 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth, im 12. Kapitel, 1. Satz
Stefan Atzl kommt aus Addis Abeba. Wurde dort geboren. Wie die gesamte Menschheit. Wer ist
also berufener, über die gesamte Menschheit zu reflektieren. Und über das Verhältnis von
Mensch und Tier, waren doch anfangs beide in Afrika noch vereint.
Kommt daher seine Malerei, seine Darstellung von aufgepfropften Tierköpfen auf
Menschenköpfen? Sie sollen für ihn Spiegelbild und Kommentar unserer Existenz und deren
Absurditäten sein.
Was ist absurd. Absurd ist zum Beispiel die Frage:
„Dürfen Vegetarier Schmetterlinge im Bauch haben?“
Es ist die Sinnlosigkeit, unsinnige Handlungen, sinnlose Ereignisse, dem gesunden
Menschenverstand Widersprechendes, was wir absurd nennen. Oder aberwitzig, oder irrwitzig.
Was nur ältere Worte dafür sind.
Das Absurde ist ein zentraler Punkt in der Philosophie von Albert Camus. Er sieht darin die
Erkenntnis eines Menschen, dass Leid und Elend in der Welt keinen Sinn haben,
– oder umgekehrt gesagt:
Dass jede Sinngebung bedeutet, vor dem Leid in der Welt die Augen zu verschließen.
Stefan Atzl ist damit Erbe des Dadaismus, des Surrealismus.
Aber wie absurd ist es, Mensch und Tier als Einheit darzustellen. Ist nicht vielmehr unser
Schachteldenken absurd. Dieses Einteilen in Kategorien, in trennscharfe Ordnungen, in
beziehungslose Spezifizierungen.
Wir trennen in Mensch und Tier. In Gut und Böse. In tot und lebendig. In Natur und Chemie.
Aber wie viel Chemie ist in Desoxyribonukleinsäure, wieviel Natur ist in Hexamethylentetramin.
Was ist was und wer gehört in welche Schachtel.
Wie tot sind Koma Patienten, die jahrzehntelang keine Reaktion zeigen. Wie schnell fallen
Lebende um und sind in Minuten tot, weil sie ein Aneurysma haben. Wie unterscheiden wir hier
tot und lebendig.
Wie gut ist eine Frau, die den Mörder ihrer Tochter niederschießt. Wie böse ein SS-Mann, der
einen Juden versteckt.
Wieviel Mensch sind wir. 9% unseres Erbmaterials stammt von Retroviren.
Wieviel Tier sind Tiere. Raben, Delphine, Hunde sind intelligent. Mehr nicht?
Oh, doch…
Ameisen kommunizieren miteinander, können Probleme lösen, lernen voneinander und halten
sich sogar eigene Farmtiere (in Form von Läusen).
Tauben können über hundert abstrakte Bilder im Kopf behalten, teilweise über Jahre hinweg,
außerdem gehören sie zu den wenigen Tieren, die sich selbst im Spiegel erkennen.
Eichhörnchen können tricksen. Da ihre Konkurrenten so clever sind, die Vorratskammern zu
plündern, graben sie Scheingruben, in denen sie nichts hinein legen, aber so tun. Die Anzahl
der Scheingruben wird noch vermehrt, wenn sich die Eichhörnchen beobachtet fühlen. Ihr
gutes Gedächtnis sorgt außerdem dafür, dass sie in den Städten hervorragende Diebe geworden
sind.
Schweine sind mindestens so intelligent wie Katzen und Hunde. Sie können kreative Lösungen
finden, innovativ denken und können Spiegelbilder erkennen. Stellt man eine Schüssel mit
Futter so hin, dass sie für das Schwein nur im Spiegel zu sehen ist, findet es innerhalb kürzester
Zeit die Schüssel mithilfe des Spiegels.
Oktopusse können komplizierte Aufgaben lösen, um an ihre Nahrung zu kommen, sie haben
ein gut ausgeprägtes Lang- und Kurzzeitgedächtnis, finden sich in Labyrinthen zurecht und
können Rätsel lösen. Anscheinend können sie nicht nur durch Konditionierung lernen, sondern
auch durch Beobachtung.
Außerdem spielen sie, was nicht viele und wenn, dann nur sehr intelligente Tiere tun. Und sie
benutzen sie Werkzeuge, ja, bauen sich diese sich sogar zurecht, bis sie sie benutzen können.
Wenn Tiere also intelligenter sind, als wir denken. Sind wir dann die Dummen?
Das Verhältnis Mensch und Natur, Mensch und Tier, Mensch und Mensch hat uns immer schon
und in der Kunst bevorzugt beschäftigt. Aber gibt es die Trennung Mensch und Natur
überhaupt.
Wenn 3.000 Genschnipsel des Menschen von Viren stammt. Und nehmen damit fünfmal mehr
Platz ein als Protein erzeugende Gene.
Wenn wir ohne die 3-5.000 Bakterien im Darm uns gar nicht ernähren können.
Wenn wir ohne die Hautflora uns nicht vor gefährlichen Keimen schützen können.
Wenn unsere Mitochondrien ehemalige Bakterien sind, die wir eingefangen und umgebaut
haben. (Mitochondrien sind unsere Kraftwerke in jeder Körperzelle, sie verwandeln unsere
Nahrung in Energie).
Und die neueste Nachricht: so unglaublich es klingt, aber in unseren Zellen ist Licht. Wir haben
sogenannte Biophotonen in unseren Körperzellen.
Wir leuchten.
Stefan Atzl ist also alles andere als absurd. Der Mensch ist kein in sich und von der Umwelt
abgeschottetes Wesen. Wir sind durchlässig. Die Natur, andere Lebewesen durchdringen uns.
Wir sind keine Einheit. Wie anders soll uns Stefan Atzl da malen, als ein Teil der Natur, ohne
Trennung zwischen Tier und Natur.
Deshalb war ihm der Mythos vom modernen Menschen westlicher Prägung als Höhepunkt
einer kultur-zivilisatorischen Entwicklung schon immer zutiefst suspekt.
Jetzt verstehen wir auch sein Zitat: „Mir geht es um Darstellungen von Zuständen, um
Wahrnehmung und um verschiedene Realitäten, die wir alle in uns haben“.
Die Tiere, die er malt, haben wir in uns. Nicht nur real als Genschnipsel oder Haut- und
Darmflora. Nein, auch in unserer Psyche und im Verhalten.
Bei ihm wird die Spezies ‚Mensch‘ entlarvt mit ihren primitiven, vormenschlichen
Konstellationen: den animalischen Trieben, Aggressionen und Ängsten, die uns in unserer
schick angepassten Konsumwelt aufrütteln und zutiefst verstören.
Ein Künstler bastelt Blumen da kommt eine ältere Dame
und fragt „Sind die Blumen natürlich oder künstlich?“
sagt der Künstler „künstlich natürlich!“ und die Dame „Ja, was nun, künstlich oder natürlich?“
Darauf der Künstler “ ja natürlich künstlich?“

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